Univ. Doz. Dr. Thomas Müllner, NÖTV-Verbandsarzt und Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie, über den Funktionsverlust „alter“ Muskulatur, Sport als Alternative zur Hightech-Medizin und weshalb ein 70-Jähriger die gleiche Kraft haben kann wie 26-Jähriger.
Mit höherem Alter steigt auch die Verletzungsgefahr. Woran liegt das?
Die fürs Alters typischen degenerativen Prozesse, falsche Ernährungsgewohnheiten, Überbelastung und auch falsches Training tun dem Körper eines Menschen nicht gerade gut. So beträgt z. B. der Querschnitt des Oberschenkelmuskels eines 80-jährigen Menschen nur mehr rund die Hälfte dessen, was er noch im Alter zwischen 20 bis 30 Jahren besaß. Durch den Funktionsverlust leidet insbesondere das Zusammenspiel zwischen Nervensteuerung und Muskulatur. Und vor allem dieser neuromuskuläre Funktionsverlust ist es auch, der für die verminderte muskuläre Reaktionsbereitschaft, die reduzierte Gleichgewichtskontrolle und die erhöhte Sturzgefahr des alten Menschen verantwortlich ist. Deshalb können Muskelfaser- oder Sehnenrisse, Probleme im Schulterbereich, ellbogennahe Oberarmbrüche u. ä. insbesondere bei älteren Menschen häufiger auftreten als bei jungen.
Auf welchen Teil des Körpers sollte man im höheren Alter besonders Acht geben?
Ganz klar auf das Kniegelenk im Allgemeinen bzw. den Meniskus im Speziellen. Der Meniskus ist nämlich der am meist geschädigte Teil des Knies. Bei jungen Menschen ist der Meniskus gummiartig und kräftig, Risse entstehen meistens bei einer Verdrehung des Knies und der damit verbundenen Verletzung. Mit dem Alter wird der Meniskus schwächer und Meniskusrisse können leichter auftreten. Das kann schon durch einfaches in-die-Hocke-Gehen passieren.
Wie kann ein älterer Mensch derartigen degenerativen Prozessen entgegenwirken?
Bewegung ist für jeden Menschen der Schlüssel zu einem aktiven Alter. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass regelmäßige körperliche Aktivität eine Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit bewirkt und Krankheiten im Alter vorbeugt bzw. bestehende Krankheiten positiv beeinflussen kann. Bewegung und Sport fördern daher auch gerade bei alten Menschen die allgemeine Fitness und die Lebenszufriedenheit. Dabei ist es nie zu spät, anzufangen – auch wenn man lange nicht mehr oder noch nie sportlich aktiv war. Durch regelmäßige Bewegung kann man in jedem Alter seine körperliche Leistungsfähigkeit noch verbessern.
Im Seniorentennis wird in Altersklassen von 35 bis 70 gespielt. Inwiefern sollte sich in der turnierfreien Zeit des Jahres das Aufbautraining eines 35-Jährigen von dem eines 70-Jährigen unterscheiden?
Das kommt immer auf die Ausgangsposition eines jeden Menschen an: Wie fit ist der Junge? Wie gut in Form ist der „Alte“? Und: Was hat man früher gemacht? Grundsätzlich kann man aber sagen, dass schon dreißig Minuten körperliche Aktivität täglich helfen kann, Beschwerden bei Arteriosklerose, Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Übergewicht und Herzrhythmusstörungen nachhaltig zu mindern. Es gibt auch Studien, die belegen, dass Bewegung bei Krebspatienten das Leben verlängert und die Wahrscheinlichkeit von Rückfällen verringert. In manchen Fällen wirkt körperliche Aktivität sogar besser als teure Tabletten und Hightech-Medizin.
Wie viele Stunden sollte im Idealfall ein 35-Jähriger für das Training stabilisierender Muskulatur verwenden? Wie viele ein 70-Jähriger?
Auch darauf kann man keine eindeutige Antwort geben. Es kommt – unabhängig vom Alter – immer darauf an, wie gut der jeweilige Mensch in Form ist. Eine US-Studie hat z. B. belegt, dass ein trainierter 70-Jähriger die gleiche Kraft wie ein untrainierter 26-Jähriger hatte. Oder: 60-Jährige, die vorher keinen Sport betrieben haben, können durch ein dreimonatiges leichtes Ausdauertraining eine Ausdauerleistung erreichen, die den Fähigkeiten untrainierter 40-Jähriger entspricht.